Steinbock in der kargen Karstlandschaft der Allgäuer Alpen

5.500 Höhenmeter für einen Steinbock – Warum Naturfotografie vor allem Geduld bedeutet

Manche Motive lassen sich nicht erzwingen. Man kann recherchieren, planen und sich vorbereiten – am Ende entscheidet trotzdem die Natur.

Die Begegnung mit einem Steinbock stand schon lange auf meiner Wunschliste und gehört für viele Naturfotografen sicher zu den großen Wunschmotiven in den Allgäuer Alpen.

Was ich unterschätzt hatte: Nicht die Suche nach dem richtigen Ort war die größte Herausforderung, sondern Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, immer wieder früh aufzustehen und ohne Erfolgsgarantie loszugehen.

Der frühe Vogel und der Steinbock

Neben den Locations war auch ein weiteres MIssionsparameter ziemlich klar: Die beste Zeit zur Sichtung der imposanten Alpenbewohner ist frühmorgens kurz nach Sonnenaufgang. Erstens, weil hier natürlich das LIcht für gelungene Fotos am schönsten ist. Zweitens – und das war in diesem Fall, wie sich herausstellen sollte noch wichtiger: es sind noch keine oder nur wenige Wanderer unterwegs, die die Tiere stören und letztendlich vertreiben.

Dieser Missionsparameter hieß im Umkehrschluss aber leider auch: Wenn ich nicht auf einer Berghütte in der Nähe übernachten konnte oder wollte, dann würde mein Wecker sehr früh klingeln – oder besser gesagt mitten in der Nacht.

Der erste Versuch

Meinen ersten Versuch startete ich am 12. Juli 2025 mit dem Aufstieg zum Waltenberger Haus. Um 3 Uhr nachts klingelte der Wecker, um 4 Uhr 30 startete meine Wanderung durch das Stillachtal bei Faistenoy mit Stirnlampe in vollkommener Dunkelheit. Über Einödsbach – das südlichste Dorf Deutschlands ging es über herrliche Bergsommerwiesen entlang an malerischen Wasserfällen bergan.

Um kurz vor halb 9 hatte ich die ersten 1000 Höhenmeter absolviert und das Waltenberger Haus erreicht – nur um festzustellen, dass weder um das Haus noch in der weiteren Umgebung – einer mächtigen Gerölllandschaft die sich Richtung Bockkarscharte entfaltete – die ersehnten Tiere zu sichten waren.

Scheitern mit Aussicht

Ich entschied mich weiter in Richtung Bockkarscharte zu steigen und dort mein Glück zu versuchen. Weitere 600 Höhenmeter später war ich klüger. Zwar hatte sich die ganze Mühe schon alleine wegen der grandiosen Aussicht rentiert, doch das eigentliche Ziel der Tour war offensichtlich spätestens jetzt gescheitert.

Die Ironie an der Geschichte: Auf dem Weg zur Scharte begegnete ich dem Hüttenwirt. Der erzählte mir, dass mehrere Tiere inklusive Nachwuchs heute Früh noch bis kurz vor meiner Ankunft direkt unterhalb der Hütte geruht hatten.

Zwischenzeitlich war es 11 Uhr geworden und nachdem damit keine Aussicht mehr auf Tiersichtungen bestand, beschloss ich, mich auf den Heimweg zu machen. Über letzte Schneereste und Geröllfelder ging es wieder hinunter ins Tal. Nach fast 11 Stunden, knapp 24 km Wegstrecke und über 1.600 absolvierten Höhenmetern erreichte ich den Parkplatz. Versuch 1 beendet, mit der Erkenntnis, dass ich das nächste Mal früher vor Ort sein muss.

Zweiter Versuch – Anstieg bei Vollmond

Bis ich den zweiten Versuch startete sollte fast ein Jahr vergehen. Im Frühsommer 2026 unternahm ich dann relativ spontan einen neuen Anlauf. Ein Kollege hatte mir Handyfotos seiner letzten Bergtour gezeigt, auf der er einer ganzen Gruppe Steinböcke begegnet war. Diesmal am Säuling, mehr oder weniger direkt vor meiner Haustür. Kurzentschlossen stellte ich mir das darauffolgende Wochenende wieder meinen Wecker. Auch diesmal wieder um 3 Uhr nachts, nur mit deutlich kürzerer Anfahrt. Um 4 Uhr 30 ging es in Pflach von der österreichischen Seite bergauf. Schon bei der Anfahrt begegneten mir ein Hase und ein Reh, kurze Zeit später am Berg die erste Gemse – Tiere waren also heute unterwegs. Ein gutes Zeichen. Mit dieser positiven Grundstimmung ging es weiter den Berg hinauf – diesmal sollte es nicht an der Uhrzeit scheitern. Dank Vollmond war es früh am Morgen schon so hell, dass ich diesmal die Stirnlampe im Rucksack lassen konnte.

Am Säulingshaus angekommen wählte ich den Rundweg um den Pilgerschrofen, an dessen steilen Geröllhängen nach meinen Recherchen eine gute Chance bestand, die behornten Alpenbewohner anzutreffen. Bereits nach wenigen Metern entdeckte ich frischen Kot auf dem Geröllweg – ein weiteres gutes Zeichen: die Tiere mussten hier vor kurzer Zeit ebenfalls entlangezogen sein.

Steinböcke – die Miniaturausgabe

Zwischenzeitlich war ein unangenehm schneidender Wind aufgekommen. Die Sonne versteckte sich hinter zunehmend dichteren Wolken und widersprach so eindeutig der Wettervorhersage. Um die Umgebung abzusuchen musste ich im schwierigen Gelände regelmäßig stehen bleiben – von Steinböcken bis auf deren Hinterlassenschaften leider wieder keine Spur. Doch auf einmal nahm ich im Augenwinkel eine Bewegung in der Felswand wahr. Ich blieb stehen und fokussierte meinen Blick – was zunächst wie ein paar weiterer Gemsen wirkte, entpuppte sich als zwei kleine Steinböckchen auf Erkundungstour.

Nahezu lautlos und scheinbar mühelos kletterten sie in schwierigstem bergsteigerischen Terrain von Felsvorsprung zu Felsvorsprung. Vorsichtig nahm ich meinen Rucksack vom Rücken und holte meine Kamera heraus. Zwar war das noch nicht das ersehnte Motiv, doch zumindest die Miniaturausgabe. Wenige, wertvolle Momente vergingen, bis die beiden Youngster ihren anspruchsvollen Aufstieg lautlos wie Geister fortsetzten und aus meinem Sichtfeld verschwanden. Ab und an war noch ein losgetretener Stein zu hören, dann herrschte wieder Stille.

Diese Begegnung sollte das Highlight des heutigen Tages bleiben. Nach der Umrundung des Pilgerschrofens erwartete mich ein steiler Abstieg Richtung Tal, nur um dann ebenso steil Richtung Säuling wiederaufzusteigen. Die stahlseilgesicherte Passage unterhalb des Gipfels kostete Konditionskörner und unterhalb des Gipfels wehte ein derart schneidender, kalter Wind, der es mir leicht machte, diesmal auf den Gipfel zu verzichten. Also machte ich mich auch diesmal unverrichteter Dinge wieder an den Abstieg. Wieder knapp 1600 Höhenmeter, 14,6 Kilometer Wegstrecke und 6 Stunde 30 reine Wanderzeit.

Wenn Geduld auf die Probe gestellt wird

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“.

Gut, dann ist das halt so.

Zwei Wochen später, gleiches Szenario. Neuer Versuch. Mit der Variation, dass es diesmal nicht um den Pilgerschrofen geht, sondern ich direkt über das Säulingshaus Richtung Gamswiese und Säulingsgipfel steige. Wieder bis kurz unterhalb des Gipfels keine Sichtung.

Da ich im schönen Morgenlicht schon einige Aufnahmen gemacht habe, halte ich meine Kamera beim Aufstieg in den Händen. Da kommt mir ein anderer Fotograf vom Gipfel her entgegen. Wir unterhalten uns und er zeigt mir auf seinem Display Aufnahmen von Steinböcken, die er keine Viertelstunde vorher am Gipfel geschossen hat. Ich bedanke mich und schalte nun nochmal einen Gang Richtung Gipfelanstieg hoch. Die Beine schmerzen, doch ich wähne mich kurz vor dem so lange ersehnten Ziel.

Ich komme am Gipfel an – nichts.

Dann müssen die Tiere weiter hinten entlang des Grates unterwegs sein.

Ich folge dem Grat und komme schließlich an einer steil abfallenden Felskante an, von der es nicht mehr weiter geht – zumindest nicht für menschliche Bergsteiger. Ich setze mich und warte.

Und warte.

Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg über die Grate und tauchen die imposante Steinwelt in goldenes Morgenlicht.

Von Steinböcken weiter keine Spur.

Ein Bergammer-Pärchen flattert fröhlich und unbeschwert um mich herum. „Fröhlich“ ist in diesem Moment nicht die Gemütslage die ich für mich definieren würde. Eher ein anderes Wort, das ebenfalls mit dem Buchstaben „F“ beginnt. „Frustriert“ trifft es wohl eher.

Nach einer weiteren halben Stunde des Wartens auf dem Gipfel entscheide ich mich für den Rückzug. Wieder durch die konditionell anspruchsvolle Seilpassage, vorbei am Säulingshaus, zurück ins Tal. 1.100 Höhenmeter, 11,5 Weg-Kilometer, 5,5 Stunden Gehzeit. Frustrationstoleranzgrenze gefunden und getestet. Versprechen an mich selbst: Projekt Steinbock für dieses Jahr beendet. Meine Bergschuhe geben mir Recht und ebenfalls auf. Das war wohl die letzte gemeinsame Tour…

Gebrochene Versprechen

Und dann kommt diese EMail von einem Kollegen – ebenfalls passionierter Naturfotograf – mit dem Betreff: „Tipp für die Steinbocksuche“ und dahinter ein Zwinkersmiley. In der Nachricht dann weiter: „… falls du die Steinbocksuche noch nicht aufgegeben hast, wären hier die Koordinaten von dem Punkt, an dem ich am Wochenende bestimmt 30 Tiere (v. a. Männchen) gesehen habe…“

Was willste da machen.

Natürlich Kamera einpacken, Wecker stellen und RIchtung Koordinaten wandern.

Das Glück liebt die Hartnäckigen

Diesmal änderte ich ein Parameter: Ich wusste, dass die Wanderung an sich sehr reizvoll werden würde und freute mich auf die Tour an sich. Sollten die Steinböcke sich zeigen oder auch nicht, das sollte mir die Freude nicht verderben. Ich würde den Tag – noch dazu einen arbeitsfreien Montag bei schönstem Sommerwetter – so oder so als kleine Auszeit genießen.

Die anderen Parameter blieben (leider) wieder unverändert. Aufstehen gefühlt mitten in der Nacht, Aufstieg vom Parkplatz weit vor Sonnenaufgang. Ankunft an den genannten Koordinaten am frühen Morgen.

Doch zunächst: nichts. Na gut, dann eben nicht.

Gerade als ich meine Wanderung fortsetzen wollte, blitzten hinter einem Felsvorsprung plötzlich ein paar Hörner auf.

Und dann geschah es.

Eine Gruppe junger Steinböcke zog gemütlich entlang der Felskante, auf der Suche nach den frischen Gräsern und Kräutern. Im goldenen Licht des Morgens setzte ich mich ruhig auf einen Felsen und beobachtete, wie die majestätischen Tiere – scheinbar völlig unbeeindruckt von meiner Anwesenheit – ihrer Futtersuche nachgingen. Zeitweise trennten uns nur wenige Meter.

Nach langer Suche durfte ich sie nun endlich im schönsten Morgenlicht fotografieren.

Im Tal angekommen zählte meine Smart Watch erneut 1.100 Höhenmeter, knapp 7 Stunden Wanderzeit und 12,4 Kilometer Wegstrecke.

Summa summarum

In Summe kosteten mich die Aufnahmen also rund 5.500 Höhenmeter, 30 Stunden Gehzeit, rund 63 Kilometer Wegstrecke und ein paar Bergschuhe – und doch waren die Begegnungen mit diesen imposanten Alpenbewohnern all die Strapazen wert.

Über den Autor

Lothar Beck ist Naturfotograf aus Kaufbeuren im Allgäu. In seiner Heimat und auf seinen Reisen durch unterschiedliche Landschaften dieser Welt ist er unterwegs – immer auf der Suche nach besonderen Naturmomenten und den Geschichten dahinter. Auf withlothar.com nimmt er dich mit auf seine Touren, Reisen und fotografischen Abenteuer.

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