Mælifell – Auf dem Weg zum grünen Vulkan Islands

Mitten im schwarzen Sand des isländischen Hochlands erhebt sich ein einzelner, sattgrüner Vulkankegel.Der Mælifell wirkt wie ein Fremdkörper in dieser kargen Landschaft – und doch scheint er genau hierher zu gehören. Der Weg dorthin führte uns über endlose F-Roads – und zu einer Flussdurchquerung, bei der wir kurz davor waren umzukehren.

Schon Monate vor unserer Reise war klar: Diesen ikonischen Vulkan wollte ich unbedingt einmal mit eigenen Augen sehen.

Nur gut, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, was auf dem Weg dorthin auf uns zukommen würde. Vielleicht hätten wir die Tour sonst noch einmal überdacht – und damit eines der absoluten Highlights unserer zehntägigen Islandreise verpasst.

Manchmal ist Unwissenheit eben doch ein Segen.

Doch von vorne.

Die Planung

Mithilfe des Fotoreiseführers „Island fotografieren“ von Martin Schulz legten wir bereits Monate vor unserer Reise eine grobe Route fest. Der Reiseführer war für unsere Planung eine große Hilfe. Neben zahlreichen sehenswerten Fotospots enthält er wertvolle Informationen zu den besten Aufnahmezeiten – sowohl hinsichtlich der Tageszeit als auch der Jahreszeit – sowie genaue Koordinaten für Parkplätze und Fotostandorte.

Eine Location suchten wir allerdings vergeblich: Ausgerechnet die Tour zum Mælifell war nicht beschrieben.

Also recherchierten wir selbst nach einer Möglichkeit, den abgelegenen Vulkan zu erreichen. Schnell wurden wir fündig. Die geplante Route führte über mehrere F-Roads weit ins isländische Hochland und schien grundsätzlich an einem Tag machbar zu sein.

Am Morgen unserer Tour prüften wir zunächst auf road.is die aktuellen Straßenverhältnisse und machten uns anschließend auf unsere erste richtige Offroad-Fahrt ins Landesinnere.

Aufbruch ins Hochland

Schon nach wenigen Kilometern endete die asphaltierte Straße. Für unseren kleinen, geländegängigen Suzuki Jimny zunächst kein Problem. Mehrere Stunden ging es über sandige und teilweise steinige Pisten durch eine Landschaft, die kaum real wirken wollte.

Immer wieder mussten wir kleinere und größere Wasserläufe durchqueren. Dank des guten Wetters, der geringen Wassertiefen und der gut sichtbaren Fahrspuren auf beiden Seiten der Furten konnten wir diese Abschnitte problemlos bewältigen.

Kein Fahrzeug. Kein Mensch weit und breit. Nur wir – und die wilde Schönheit Islands. Mehrfach hielten wir an, um diese einzigartige Landschaft fotografisch festzuhalten. Schwarze Sandebenen, bizarre Lavaformationen und weitläufige Hochlandlandschaften begleiteten uns auf unserem Weg.

Doch irgendwann sollte die Fahrt eine unerwartete Wendung nehmen.

Die Furt

Mitten in der schwarzen Weite tauchte plötzlich das Problem auf:

Vor uns lag ein breiter, mehrarmiger Wasserlauf, der unsere Weiterfahrt versperrte. Keine eindeutige Fahrspur war auf der anderen Seite zu erkennen. Stattdessen zahlreiche Spuren, die sich wie geschweifte Klammern im schwarzen Sand dem Wasser näherten und wieder auseinanderliefen.

Und wir?

In einem gemieteten kleinen Geländewagen, der zwar für viele isländische Besonderheiten geeignet war, aber ganz sicher nicht für einen Wasserschaden durch eine missglückte Flussdurchquerung.

Nun war guter Rat teuer.

Vermutlich allerdings deutlich günstiger als ein kapitaler Motorschaden inklusive Abschleppdienst aus der Einsamkeit des isländischen Hochlands. Und das alles, obwohl unser Navigationssystem anzeigte: Das Ziel war nur noch wenige Kilometer entfernt.


Eine Entscheidung im Nirgendwo

Wir diskutierten hin und her, wogen Möglichkeiten ab und suchten nach einer Lösung. Gerade als wir uns noch unschlüssig waren, tauchte wie aus dem Nichts auf dem gegenüberliegenden Ufer ein großer isländischer Geländewagen auf – mit Zwillingsbereifung und Schnorchel. Ohne zu zögern setzte er sich in Bewegung und durchquerte den Flusslauf, als wäre es lediglich eine etwas größere Pfütze auf einem Parkplatz. Gebannt beobachteten wir nicht nur die gewählte Route, sondern auch, wie tief das Fahrzeug im Wasser versank.

Das Ergebnis: Es war machbar.

Kurz darauf kam auch aus unserer Richtung ein weiterer Wagen. Auch dieser wählte dieselbe Spur und erreichte problemlos das andere Ufer. Unsere Hoffnung kehrte zurück. Wir entschieden uns, es zu versuchen.

Adrenalin im isländischen Hochland

Mit äußerster Vorsicht manövrierten wir den Suzuki in Schrittgeschwindigkeit in die Strömung. Langsam schob sich das Fahrzeug durch das Wasser. Zentimeter für Zentimeter.

Jetzt nur nicht den Motor abwürgen.

In der Fahrerkabine herrschte absolute Stille. Nur das Geräusch des Motors und das Wasser, das gegen das Fahrzeug drückte, waren zu hören.

Adrenalin pur.

Nach scheinbar endlosen Momenten sank der Wasserstand langsam wieder unter die Karosserie. Der Druck der Strömung ließ nach.

Dann endlich: Das andere Ufer. Man konnte die Steine unserer Herzen förmlich in den schwarzen Sand des Hochlands purzeln hören.

Der grüne Vulkan

Nur wenige Kilometer später war es endlich soweit. Majestätisch erhob sich der von Moosen überzogene grüne Vulkankegel aus dem riesigen schwarzen Sandmeer. Ein Anblick wie aus einem Hollywood-Film. Oder vielleicht eher aus Mittelerde. Wir standen einfach nur da und genossen diesen Moment.

Der Weg hatte sich gelohnt.

Doch unsere Reise war noch nicht vorbei. Weiter ging es durch eine ausgeräumte Mondlandschaft, die ebenso gut als Kulisse für eine Mars- oder Mondmission hätte dienen können, vorbei an den Ausläufern eines Gletschers und wilden, romantischen Wasserläufen.

Mit unzähligen Eindrücken der rauen Schönheit Islands und deutlich erleichtert über den guten Ausgang unserer kleinen Hochlandexpedition erreichten wir am Abend wieder unser Camp.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Erst später, beim erneuten Durchblättern unseres Fotoreiseführers, entdeckten wir den entscheidenden Hinweis.Unter den Tourenvorschlägen gab es tatsächlich einen Eintrag: Tour 13 – „Das Hochland“. Diese Tour war nicht im gedruckten Buch enthalten, sondern nur als PDF über eine Internetadresse abrufbar.

Dahinter verbarg sich der Titel: „Die ultimative Hochlandtour: Zum Mælifell, Bláfjöll und Öldufell“

Darin beschrieb der Autor, dass er sich trotz seiner vielen Jahre Island-Erfahrung wegen der tiefen Furten und reißenden Flüsse selbst nie auf diese Strecke gewagt hatte – sondern sie nur mit einem erfahrenen Tourguide gefahren war.

Hätten wir diesen Hinweis vorher gelesen, hätten wir uns vielleicht vernünftigerweise gegen die Tour entschieden. Und damit eines der eindrucksvollsten Erlebnisse unserer gesamten Islandreise verpasst. Manchmal ist ein bisschen Unwissenheit eben doch ein Segen.

Rückblickend war die Fahrt zum Mælifell weit mehr als der Weg zu einem Fotomotiv. Sie war eine Reise durch eine Landschaft, die Ehrfurcht einflößt und Demut lehrt. Vielleicht ist es genau das, was Island so einzigartig macht: Man kehrt nicht nur mit spektakulären Bildern zurück, sondern mit Geschichten, die man nie wieder vergisst.

Über den Autor

Lothar Beck ist Naturfotograf aus Kaufbeuren im Allgäu. In seiner Heimat und auf seinen Reisen durch unterschiedliche Landschaften dieser Welt ist er unterwegs – immer auf der Suche nach besonderen Naturmomenten und den Geschichten dahinter. Auf withlothar.com nimmt er dich mit auf seine Touren, Reisen und fotografischen Abenteuer.

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