Um 3 Uhr nachts klingelt der Wecker. Die notwendige Ausrüstung steht gepackt schon seit gestern Abend bereit Schnell noch einen Kaffee in den Thermobecher gefüllt und ab geht´s an diesem Spätfrühlingsmorgen Richtung Nebelhorn.
Die Mission: Murmeltiere.
Nach dem langen Winter stehen die Chancen gut, dass die Nager zur Futtersuche aus ihren Erdhöhlen kommen – eine Garantie auf Erfolg gibt´s für den Naturfotografen wie immer leider nicht. Da kann die Vorbereitung und Recherche noch so gut gewesen sein.
Um 4 Uhr 30 starte ich vom Parkplatz der Nebelhornbahn. Der Vollmond steht noch am Himmel und strahlt so hell, dass ich die Stirnlampe im Rucksack lassen kann. Direkt hinter der Oberstdorfer Skisprungarena geht es in einen steilen Anstieg durch den Faltenbachtobel. Schon hier begegnet mir eine Gemse. Ein gutes Zeichen, Tiere sind heute also unterwegs!
Der Aufstieg über die Seealpe zum Edmund-Probst-Haus ist steil und monoton. Immer unter der Nebelhornbahn entlang auf asphaltierten Wegen. Aber heute ist es mein Ziel, schnell Höhe zu gewinnen und so vor den Touristen, die mit der ersten Gondel um 8 Uhr 30 auf den Gipfel schweben, ungestört auf Murmeltierjagd gehen zu können.
Nach zwei Stunden bin ich unter dem Gipfel angekommen und halte, während ich durch die wilde Karstlandschaft und über letzte Schneefelder wandere, Ausschau nach den Nagern. Immer wieder wandert mein Blick über die Hänge. Nichts. Nur Felsen, Gras und die Schnee. Vielleicht sind die Tiere heute doch noch nicht aktiv?
Und plötzlich entdecke ich sie: Gleich fünf Murmeltiere sitzen vor ihrem Bau und genießen die ersten Sonnenstrahlen!
Nun kommt der knifflige Teil: Vorsichtiges annähern, ohne die Tiere zu verscheuchen und in gute Distanz für Aufnahmen zu kommen. Ich mache einen großen Bogen um die Tiere und nähere mich, geschützt durch Felsvorsprünge langsam, vorsichtig und leise von hinten. Zwischendurch halte ich immer wieder inne und mache ein paar Aufnahmen. Inzwischen haben die aufmerksamen Nager mich natürlich bemerkt und beobachten genau, was ich mache. Die etwas nervenschwächeren Gruppenmitglieder gehen lieber mal zurück in die sichere Höhle. Nur ein wagemutiges Pärchen harrt vor der Höhle aus und scheint genauso neugierig auf mich, wie ich auf sie. Sie lassen mich auf kurze Distanz herankommen und ich kann ganz in Ruhe Portraitaufnahmen von den possierlichen Nagern machen.

Was für ein wunderschönes Erlebnis. Nach ein paar Minuten ziehe ich mich wieder langsam zurück und setze meine Wanderung Richtung Engratsgundsee weiter.
Immer noch bin ich ganz alleine unterwegs.
Es geht durch herrliche Frühlingsbergwiesen und immer wieder über Schneefelder aus dem letzten Winter weiter auf einem schönen Höhenwanderweg. Der Panoramablick in die noch teilweise schneebedeckten Allgäuer Hochalpen lässt die Anstrengungen des frühen Aufstieges schnell vergessen.

Plötzlich der Schrei eines Vogels. Noch bevor ich die Tiere direkt vor mir auf dem Weg sehe, haben sie mich schon entdeckt. Ein Alpenschneehuhn-Pärchen schon im Sommergewand stakst direkt vor mir über den Wanderweg. Während sie mich streng im Blick behält, kümmert er sich mehr um sein leibliches Wohl und pickt gemütlich vor sich hin. Langsam hebe ich die Kamera und drücke ab. Ich kann mein Glück kaum fassen! Was für eine Ausbeute – so etwas erlebe ich selten. Ich stehe ruhig und warte, bis die beiden Hühner ihren Weg fortsetzen.

Dann wandere auch ich weiter – nur um kurze Zeit später auch noch Bekanntschaft mit zwei Gemsen zu machen. An der Vertrautheit der Tiere merkt man, dass im Frühling noch nicht viele Menschen in diesen Regionen unterwegs sind.

Auf dem weiteren Weg werden die Schneefelder, die ich überqueren muss immer steiler und die Wanderer, die nun von der Bergbahn kommen immer mehr. Ich merke, dass sich der Timeslot für Tierbegegnungen schließt. Mit vielen wunderbaren Eindrücken und Aufnahmen mache ich mich auf den Rückweg.
Als ich mittags wieder ins Tal absteige, sind die Wege voller Wanderer. Kaum jemand ahnt, welche Begegnungen sich hier oben nur wenige Stunden zuvor abgespielt haben. Genau deshalb liebe ich diese frühen Stunden in den Bergen. Nicht wegen der Fotos allein, sondern wegen der Momente, die man nicht planen kann und die jede Tour zu etwas Besonderem machen.
